Richtspruch

Der Richtspruch

Vom Brauchtum der Zimmerleute

Wenn auch heutzutage Bauwerke in viel kürzerer Zeit und mit beträchtlich  weniger rein menschlicher  Kraft und Anstrengung erstellt werden als  ehedem, so hat der erste Bauabschnitt, die Errichtung des Rohbaus mit  dem Richten des Dachstuhls, doch immer noch seine besondere Bedeutung.

Der Richtspruch gibt der  Freude über das gute Gelingen des Bauwerks  Ausdruck, sagt dem Allmächtigen Dank und fleht seinen Schutz und Segen  auf Bau und Bauherrschaft herab.
Die wesentlichen Elemente in einem  jedem Richtspruch sind: Freude  über das vollbrachte Werk, Dank an den  Herrgott, Dank an den Bauherrn, ein Lob und Hoch auf Planung, Bauleitung und Handwerker.

 Entstehung und Sinn der Richtsprüche

Die ersten Richtsprüche sind im frühen Mittelalter mit dem  Aufkommen der Zünfte und eines abgegrenzten, eigenen Zimmerhandwerks aufgekommen und mit der Zeit fester "zünftiger  Brauch" geworden.

Zum Richtfest hat der Bauherr geladen. Dem  Kreis der Gäste und  Teilnehmer gehören an: Bauleute, die bislang am Bau tätig waren, Meister, Gesellen, Lehrlinge und Helfer, Architekt  und Bauleiter sowie der Bauherr mit Angehörigen.
Das Richtfest ist nach wie vor das ureigene Fest  der Werkleute, wobei Prominenz und Würdenträger nicht in einer Hauptrolle in Erscheinung treten.

Mit Gunst und Verlaub!

Die Feierstunde hat geschlagen,
es ruhet die geübte Hand.
Nach harten, arbeitsreichen Tagen
grüßt stolz der Richtbaum nun ins Land.

Und stolz und froh ist jeder heute,
der tüchtig mit am Werk gebaut.
Es waren wack´re Handwerksleute,
die fest auf ihre Kunst vertraut.

Drum wünsche ich, so gut ich´s kann,
so kräftig wie ein Zimmermann,
mit stolz empor gehobnem Blick
dem neuen Hause recht viel Glück.

Wir bitten Gott, der in Gefahren
uns allezeit so treu bewahrt,
er mög´ das Bauwerk hier bewahren
vor Not und Schaden aller Art.

Nun nehm´ ich froh das Glas zur Hand,
gefüllt mit Wein bis an den Rand,
und mit feurigen Saft der Reben
will jedermann die Ehr´ich geben,
wie sich´s nach alten Brauch gebührt,
wenn so ein Bau ist ausgeführt.

Das erste Glas der Bauherrschaft:
Hoch soll sie leben, hoch, hoch, hoch!

Nun brauchte man zu allen Zeiten
nicht nur den Kopf, nein auch die Hand.
Drum noch ein Hoch den Zimmerleuten,
durch deren Kraft der Bau erstand.
Hoch sollen sie leben, hoch, hoch, hoch!

Nun ist das Glas wohl ausgeleert
und weiter für mich nichts mehr wert,
drum werf´ ich es zu Boden nieder -
zerschmettert braucht es keiner wieder;
doch Scherben bedeuten Glück und Segen
der Bauherrschaft auf allen Wegen!

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